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Zum Tode Klaus Ringwalds (1939-2011)

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Nachruf auf Klaus Ringwald

Klaus Ringwald
(C) MPohlig

Das Jahr 2011 war, was unsere Gesellschaft betrifft, insofern kein gutes Jahr, als wir eine ganze Reihe von – durchweg engagierten – Mitgliedern verloren: am 22.02. starb Walter Pätzold, am 07.03. Emma Storz, am 26.05. Prof. Dr. Joachim W. Storck, am 14.07. Wolfgang Neuß, am 18.10. Willi Moser – und am 29.11. Prof. Klaus Ringwald. Auch er, ja gerade er, war unserer Gesellschaft von Anfang an verbunden. Mehrmals hat er uns am Ende und zum Abschluss eines Symposiums sein Atelier geöffnet, und keiner, der dabei war, wird je vergessen, was er uns sagte und zeigte, und wie. Das Symposium 2004, bei dem es um ‚Vorbilder’ ging, bereicherte er mit einer Ausstellung der aus seiner Hand hervorgegangenen Porträts. Für das Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium in Durmersheim schuf er einen Abguss der von Jakob Fehrle geschaffenen Büste des Namensgebers, die ihr Vorbild wohl noch übertraf, und für unser allzu früh verstorbenes Mitglied Friedrich Hitzer ein schönes Grabmal. Jetzt stehen wir vor seinem eigenen ... traurig, aber auch dankbar für sein Leben und sein Lebenswerk, das wir hier noch einmal in Erinnerung rufen wollen.

Klaus Ringwald wurde am 6. August 1939 in Schonach im Schwarzwald geboren – kurz bevor der große Krieg begann, der seinen Schatten auch über die sonst so friedliche Heimat warf. Das stille, schlichte, harte Leben in eben dieser Heimat hat den kleinen Klaus (der die Kühe hütete, der mit der Großmutter Pilze und Beeren sammelte) auf Dauer geprägt. In Schonach ging er auch zur Schule, zur sogenannten Volksschule, und begann dann in Triberg eine Lehre als Schnitzer, die er, noch nicht 17 Jahre alt, mit der Prüfung zum Gesellen abschloss. Als solcher arbeitete er erst einmal weiter, ging aber mit 21 Jahren an die Kunstschule Wolkenstein im Grödnertal, in Südtirol, wo sich ihm die Welt des Südens auftat. Über München, wo er zwei Jahre lang bei Prof. Karl Baur mitarbeitete, kam er nach Nürnberg zu Prof. Hans Wimmer, dessen Schüler, dann sogar Meisterschüler er wurde. Das waren wieder vier und nochmals zwei Jahre.

   Wimmer war ein großer Meister, aber eigentlich kein guter Lehrer; jedenfalls war er einer, der es seinen Schülern sehr schwer machte, der sie eher abstieß als anzog. Auch er war aus der Provinz, der niederbayerischen nämlich, nach München gekommen und dort in die Welt der großen Kunst eingetreten, wie sie sich in den berühmten Sammlungen auftat und darbot; aber auch in die Welt der Musik, ja des Geistes überhaupt. Viele von denen, die in ihr Rang und Namen hatten, hat Wimmer gekannt, viele auch in konzentrierten, aufs Wesentliche reduzierten Bildnisbüsten porträtiert.

   Und darin ist Ringwald, als einer von wenigen, Wimmer gefolgt. Bald ist er selber ein Meister geworden; er hat seinen Weg gefunden und ist ihn unbeirrt gegangen. Man begegnete ihm bei der Arbeit in dem hohen und hellen, von klassischer Musik erfüllten Atelier, das er sich im Wald oberhalb von Schonach, seinem Heimatort, erbaute. Von seinen vielen Reisen, die ihn nach Frankreich, Italien und Spanien, nach Griechenland, Ägypten, Indien und China führten, ist er immer wieder hierher zurückgekehrt. Aber immer wieder hat er auch erfahren müssen, dass ein Prophet nirgends so wenig gilt wie in seiner Heimat, dass er gerade dort ein Rufer in der Wüste ist. Ringwald hat immer mit offenem Visier gekämpft; hat sich nie gescheut, die Dinge beim Namen zu nennen, den Finger auf die Wunden zu legen, auch wenn es wehtat.

   Als Schwarzwälder, der er war, und der er sehr bewusst war, hat sich Ringwald, der akademische Bildhauer und Professor, bei aller Weltgewandtheit noch etwas Knorriges, Uriges bewahrt; auch etwas Unzeitgemäßes. Es gibt nur noch wenige, die, wie er, auf dem festen Boden des Handwerks stehen; die mit einer solchen Liebe und Vorliebe in einem der ältesten, zugleich aber schwierigsten Materialien arbeiten, nämlich in der erst glutflüssigen, dann festen Bronze; und die dem gegenständlichen Motiv so treu geblieben sind: vor allem der Gestalt des Tieres und des Menschen; der Gestalt des Menschen, und seinem Gesicht. (Aber es ging ihm, wie er selber sagte, eigentlich nicht um das Gesicht, sondern um den Kopf über dem Rumpf, den Schädel auf den Schultern; weshalb er, der Porträtist, die Porträtierten bei den sogenannten Sitzungen auch nicht sitzen, sondern stehen ließ: aufrechter Stand, aufrechter Gang! Nur so konnte er ihnen gänzlich gerecht werden, nur so ihre Gestalt gleichsam ins Gesicht verdichten.) Von seinen Bildnissen lässt sich mit Hegel sagen, sie seien „gleichsam getroffener, dem Individuum ähnlicher als das wirkliche Individuum selbst“.

   Es darf aber nicht vergessen und nicht verschwiegen werden, dass Ringwald nicht nur Porträtist war; sein Werk umfasst viele Plastiken im kirchlichen und öffentlichen Raum; Brunnen etwa in Villingen, Hechingen, Waghäusel und Karlsruhe-Durlach; den Stier von Kork; die Geschichtssäule in Säckingen; die Benediktsstele in Kloster Neuburg; die Türen am Villinger Münster; die Chorräume der Kirchen in Karlsruhe-Mühlburg, Singen und Staufen; den Chorraum der Mannheimer Jesuitenkirche; das Denkmal für Kardinal Höffner in seinem Geburtsort Horhausen; und die große Christusfigur am Pilgrims’ Gate der Canterbury Cathedral. Diese Werke, zumal das zuletzt genannte, zeigen deutlich, worin Ringwalds besondere Stärke bestand: in der einfühlsamen Einfügung in einen vorgegebenen baugeschichtlichen Bestand, d.h. ohne ihn zu beherrschen, aber auch ohne sich von ihm beherrschen zu lassen. Die Ein-ordnung war es, auf die es ihm ankam, und auf die Ordnung überhaupt; d.h. darauf, dass alles einen rechten Ort und Wert, sein richtiges Gewicht hat, in der Kunst und außer ihr. In einer Rede auf Ringwald hat Carlo Schmid zu Recht gesagt, dass er, Ringwald, darunter leide, „dass die Dinge nicht so sind wie sie sein könnten, wie sie mit unseren Mitteln gemacht sein könnten, wenn wir guten Willens wären“.

Dr. Johannes Werner